Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Eine Frage, die die Menschen von je her beschäftigt. Die einen sagen der Verstand, die anderen die Fähigkeit Werkzeuge zu benutzen oder zu fühlen, eine Seele. Viele Denker der Geschichte sprechen Tieren jegliche Formen von Seele, von Verstand,von praktischer Intelligenz ab.
Dennoch tauchen Tiere immer wieder als Spiegel der Menschen und ihres Verhaltens, ihrer Eigenarten auf – Als anthropomorphe Protagonisten fiktiver Welten, die unsere abbilden. Diese Mimese verfolgt die Absicht, ein jeweiliges Welt-/Menschenbild zu generieren, in dem das Bild beispielsweise bestätigt oder auch kritisch hinterfragt wird. So stabilisiert laut Gerhard Neumann der Hund unser Menschenbild: Er blicke von unten herauf und stände dem Menschen loyal und treu zur Seite, ohne ihn dabei in Frage zu stellen. Der Mensch dominiere den Hund. Jedoch kann man Nuancen in den unterschiedlichen Rassen setzen: während Pudel eher parfümiert und oberflächlich wirken können, so strahlen Schäferhunde Disziplin und Schärfe aus. Eins haben sie dennoch gemein: In vielen Momenten werden sie von ihren Affekten geleitet und werden damit wieder dem Menschen untergeordnet. Ein schönes Beispiel hierzu ist im Film Oben (Disney/Pixar’s, 2009) zu finden, in dem die abgerichteten Hunde beim Anblick eines Balles sofort zu verspielten, harmlosen Tieren werden oder bei dem Ausruf „Katze“ alles um sich herum vergessen und sowohl suchend, als auch apathisch ins Leere starren.
Der Affe, laut Neumann, hingegen rüttele an unserem Weltbild und hielte uns einen Spiegel vor. Betrachten wir hierzu den Affen aus KafkasBericht für eine Akademie. Rotpeter, so sein Name, gibt einer Akademie einen Bericht über seine Menschwerdung ab, er schildert seine Erlebnisse und reflektiert den Prozess, den er auf seinem Weg durchlebte. Der Affe wirkt in seinem Erzählen eher wie eine Travestie des Menschen, ein Affe, der sich die Kultur des Menschen nicht sichtbar, sondern eher unsichtbar durch Sprache überzieht. Dennoch wird er von den Menschen als ihresgleichen akzeptiert. Durch den Bericht über die nicht ganz ungezwungene Menschwerdung werden Fehler und Kräfte der menschlichen Kultur aufgedeckt, es ist nicht erwünscht, dass man lange im Urzustand bleibt, eine möglichst schnelle und effektive Sozialisierung ist das Ziel der Gesellschaft.
Dadurch kommt es auch dazu, dass man seine tierische Herkunft und die einhergehenden Bedürfnisse verleugnen muss. Ein Affe ist kein Mensch, muss dies jedoch vergessen(verleugnen), um weiter zu kommen. Die Figur des Affen ist so gut wie immer satirischer Natur, die die Selbstherrlichkeit des Menschen untergräbt, in dem sie ihm den Spiegel vorhält – Was seltendezent passiert. Im Disneyfilm Das Dschungelbuch (Disney, 1986), nach Motiven des gleichnamigen Buches von Rudyard Kipling, liefert auch eine Affenfigur, die im Gegensatz zum gedruckten Original harmloser gestaltet ist. Der Affenkönig möchte vom Menschen das Geheimnis des Feuers erfahren. Die Fähigkeit Feuer zu machen ist eine der wichtigsten und vor allem mächtigsten Errungenschaften der menschlichen Entwicklung, werFeuer hat, hat Macht über andere. Hier kann man das Bedürfnis sehen, sich über andere zu stellen, etwas höheres zu sein. Sicherlich auch eine Kritik am Menschen. In Kiplings Vorlage werden die Affen, anders als im Trickfilm,von den anderen Tieren aufgrund ihrer Gesetzeslosigkeit gemieden. Der Mensch hat im Vergleich zum Urzustand (nicht im kontraktualistischen Sinne) der Tiere andere Gesetze, die anders wirken, sich von den Gesetzen der Natur unterscheiden. Somit können auch die Dschungelbuch-Affen als Analogie zu den Menschen gesehen werden, genau wie Kafkas Rotpeter, welche unser Selbstbild destabilisieren wollen, sie wollen den Menschen von seinem Sockel stoßen und zur Rückkehr in den Urzustand bewegen, zumindest dazu bringen, ihn nicht weiter zu leugnen.
Als dritte Figur nennt Neumann die Katze. Mit ihr möchte man das Menschenbild weder stark stabilisieren, noch an ihm rütteln. Anthropomorphe Katzen, wie der gestiefelte Kater oder auch ETA Hoffmanns Kater Murr, spiegelten den Menschen in seinem Habitus und wirken dabei meist vollkommener als die an der Geschichte beteiligten Menschen. In Geschichten mit Katzen sind Mensch und Tier meist gleichermaßen fehlerhaft. So ist im Gestiefelten Kater nicht etwa der Kater von Affekten geleitet, sondern der König. Er gibt sich seinen Gelüsten hin und zeigt eine schwankende Stimmung, es regieren andere für ihn. Die auftretenden Katzen sind meist besonders elegant und weise, sie zeigen Verstand überlegen, bevor sie handeln. Auch hier findet man zwei Beispiele im Dschungelbuch: Zu einem der joviale und intelligente Bagheera, zum anderen er ebenso intelligente, aber weitaus bösartigere Shir Khan. Gerade die Katzen zeigen Eigenschaften, die vorzugsweise dem Menschen zu geschrieben werden: Vernunft und Verstand, Bagheera interveniert, überblickt die Geschehnisse. Intelligenz und Machtgier, Shir Khan ist manipulativ und möchte seine Herrscherrolle im Dschungel sicher wissen. Die Katzen nehmen meist die differenzierteren Charaktere ein, sie sind mehrschichtig und meist nicht leicht zu durchschauen. Hiermit hätten wir die drei Rollen der genannte Tiere an Beispielen charakterisiert. Aber gibt es ein Tier, dass das Menschenbild nicht nur destabilisiert und es zum wackeln bringt? Ein Tier, dass das Bild destruiert, wenn nicht sogar anihiliert?
Das Insekt. Insekten, in mannigfaltiger Vorkommensweise, werden von den meisten Menschen als angst einflößend, widerlich und vor allem verstörend empfunden. Käfer, Würmer und Fluginsekten, sie gelten als Boten von Tod und Verwesung, von Dreck und Unrat.
Beim Anblick von Maden denken die meisten wohl an verdorbenes Essen oder verwesendes Fleisch, an übelkeiterregende Gerüche und noch mehr Insekten, die sich um das Festmahl tummeln. Mit solchen Insekten wirdimmer Zerstörung, Vergänglichkeit und Angst verbunden. In der Literatur finden wir Insekten bei Kafka, Pushkin und in der bekannteren Kurzgeschichte Die Fliege von George Langelaan, welche auch mehrmals verfilmt wurde. In dieser Geschichte entsteht durch einen missglückten Teleportationsversuch aus einem Wissenschaftler ein Hybrid aus Mensch und Fliege. Er lebt nun mit Kopf und Armen der Fliege, seine fehlenden Extremitäten sind nun an der Fliege, welche aber unauffindbar ist. Schnell wird ihm klar, dass er so nicht weiterleben kann und bittet seine Frau, ihn umzubringen und die mutierten Körperteile in einer Presse zu verstümmeln. Schnell fällt auf, dass gerade die Verschmelzung mit einem Insekt der Geschichte eine bizarre und verstörende Note gibt, der Protagonist muss einsehen, dass er das Geschehene nicht umkehren kann und sieht die einzige Lösung in der Zerstörung seiner selbst. Wäre er mit einem Hund oder einem anderen Säugetier verwachsen, wäre wohl zu erwarten gewesen, dass die Geschichte weniger schrecklich geworden wäre.
Vielleicht liegt es daran, dass wir mit Insekten keinerlei Gefühle und Emotionen verbinden, sie sind für die breite Bevölkerung leere Chitinpanzer, die keine Regung empfinden. Diese verstörende Komponente, die anscheinend die unbewusstesten Ängste unserer Seele erreicht, wird in der Verfilmung aus dem Jahr 1986 ausgereizt. Es ist nun kein von einer auf die andere Sekunde geänderter Zustand, es ist ein schleichender Prozess, der das Ich des Wissenschaftlers Brundle langsam zersetzt, es auslöscht. Der Wahnsinn ist von Minute zu Minute zu spüren, der Betrachter muss kämpfen, ihn nicht ebenso zu verfallen. Dieser Film zeigt äußerst angst einflößend, wie die Figur des Insekts wirkt. Sie anihiliert den Menschen, er löst sich auf. Sie löst Angst aus und treibt in den Wahnsinn. Insekten lösen Gefühle aus, die wir nur selten anderswo erfahren. Sie erniedrigen den Menschen auf eine Stufe unter das Tier, sie nehmen ihm seine Identität, wie Maden und Käfer einer Leiche durch den natürlichen Verwesungsprozess das Gesicht nehmen.
In Kafkas Die Verwandlung wacht der Handlungsreisende Samsa eines Morgens als Käfer auf. Er ist der menschlichen Sprache nicht mehr mächtig und seine Familie reagiert erst entsetzt auf sein Erscheinungsbild. Zuerst wird er noch von seiner Schwester mit Nahrung versorgt, welche sich aus Abfällen und Knochen zusammensetzt. Doch dann ignoriert die Familie zunehmend seine Existenz und sein Anderssein. Nach seinem Tod, welchen die Familie erleichtert entgegen nimmt, wird er mit dem Besen einfach ausgekehrt und entsorgt. Auch hier ist das Insekt wieder in der Rolle des Identitätslosen. Samsa kann nicht kommunizieren und seine Familie blendet seine Existenz schnell aus. Sie sind von ihm angeekelt und fühlen sich von seinem Dasein eher belästigt. Der Käfer ist hilflos in seiner Lage, kann sich aber auch nicht auf eine menschlichen Kenntnisse verlassen, da diese langsam schwinden. Ebenso verstören seine Essgewohnheiten. Mit für Menschen normales Essen kann er nichts mehr anfangen, es schmeckt ihm nicht. Erst Abfälle pflanzlicher und tierischer Herkunft befriedigen seinen Hunger. Samsa hat seine Würde als Mensch längst verloren. Durch diese Beispiele könnte man also behaupten, dass die Rolle des Insekts in Literatur und Film ist, den Menschen in seinen ursprünglichsten Ängsten zu rühren, ihm seine Würde als Mensch zu nehmen und ihn an den schleichenden Verfall (seiner selbst) zu erinnern. Insekten und Wahnsinn sind in der Kunst dicht bei einander. Tiere geben der Kunst die Möglichkeit, Kritik zu üben und Verhaltensweisen aufzudecken oder zu evozieren. Man kann mit ihnen Bilder bestärken, sie ins Lächerliche ziehen oder mit ihnen archaische Ängste auslösen. Es bleibt also zu erwarten, dass der Mensch sich selbst auch weiterhin als Tier abbildet, um seine Stellung als Nichttier zu manifestieren. Eines der vielen Paradoxa der menschlichen Art.
(C) Jasmin S. Paderborn 2011